Heinrich-von-Gagern-Gymnasium Frankfurt am Main

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Ehemalige Teilnehmer der Kindertransporte zu Besuch am HvGG (21. März 2017)

Text:
Iris Hofmann
Fotos:
Iris Hofmann
Julia Kerfin
Letzte Änderung:
23.03.2017
Verantwortliche/r:
Florian Kavermann

Ehemalige Teilnehmer der Kindertransporte zu Besuch am HvGG (21. März 2017)

„Ihr müsst das Kind rausbringen!“
(Emil Carlebach 1938 zu seinem Vater im KZ Buchenwald)

In diesem Jahr hatten wir das besondere Glück, zwei Betroffene der Kindertransporte, Frau Lee Edwards (geb. Liesel Carlebach, Jg. 1923) und Herrn Oswald Stein (Jg. 1926), an unserer Schule begrüßen zu dürfen.
Die Geschichtsklassen 9b, 9c und 7a hatten unter der Leitung von Frau Hofmann, Frau Kerfin und Frau Obermöller die besondere Gelegenheit, von einigen der letzten noch lebenden Teilnehmern der Kindertransporte Informationen über ihr Leben vor der Reichspogromnacht 1938, den darauf erfolgten Kindertransporten nach England, die Zeit dort und die Zeit nach Ende des Krieges zu erhalten.

Unser Schulleiter Thomas Mausbach begrüßte zunächst die Gäste neben der großen Kastanie, die seit der Zeit des Bestehens der Samson-Raphael-Hirsch-Schule auf unserem Schulhof zu finden ist.

Frau Edwards berichtete über eine zunächst unbeschwerte Kindheit in Frankfurt. Sie habe behütet bei ihren Eltern gelebt und besuchte die Samson-Raphael-Hirsch-Schule, auf deren Gelände sich heute der Neubau unserer Schule befindet.

Im Zuge der Reichpogromnacht am 9.11.1938 wurde Lees Vater verhaftet und auch nach Buchenwald deportiert. Dort traf er seinen Sohn wieder, der eindringlich gefordert habe, dass seine Eltern wenigstens das Kind, Liesel/Lee, wegschicken sollten.

Hr. Mausbach begrüßt die Gäste.
Hr. Mausbach begrüßt die Gäste.

So kam es, dass Lee, gerade 15 Jahre alt, alleine nach England in die Nähe von Coventry evakuiert wurde. Bei ihrer Abreise schmuggelte ihre Mutter verbotenerweise eine Kette in ihren Koffer. Frau Edwards berichtete über entbehrungsreiche Jahre. Nach dem Krieg sei die Rückkehr nach Deutschland erfolgt, wo sie ihren Bruder wiedergetroffen habe.
Dabei habe sie auch erfahren müssen, dass ihre Mutter bereits 1942 deportiert und ermordet worden war. Ihr Vater sei bereits im März 1939 an den Folgen der KZ-Haft verstorben.

Herr Stein stammt aus einem jüdisch-katholischen Elternhaus. Sein Vater, dem nach der Machtübernahme der Nazis aufgrund seiner jüdischen Ehefrau die Tätigkeit als Lehrer verboten worden sei, habe immer wieder betont, dass die Familie aus Deutschland raus müsse.
Durch eine einflussreiche Tante sei es gelungen, Oswald Stein im Alter von 13 Jahren sicher nach England zu bringen. Dort habe er auf einem Internat seine schulische Laufbahn weiterverfolgen können. Schwierig seien aber die Anfänge gewesen, da er zwar Griechisch und Latein, jedoch kein Englisch gelernt hätte.
Die in Deutschland geblieben Eltern hätten mit dem jüngsten der drei Brüder (Jg. 1932) in der Eifel unbeschadet den Krieg überlebt.
1992 veröffentlichte Oswald Stein die Geschichte seiner Eltern in dem autobiographischen Werk „Abgebaut. Eine Familie erlebt das Dritte Reich“.

Im Anschluss an die Gespräche konnten die Schülerinnen und Schüler Fragen stellen. Beide Gäste erinnern sich noch an den Transport selbst und den schwierigen Abschied von den Eltern. Sie hätten beide gewusst, warum sie das Land verlassen mussten: zu deutlich seien die Ausgrenzungen gewesen.
Auch konnte Herr Stein die Frage beantworten, ob er je Adolf Hitler gesehen habe. Dazu berichtet er von der Eröffnung eines der ersten Autobahnabschnitte nahe Frankfurt, zu der seine ganze Klasse einen Ausflug unternommen habe. Bei der Gelegenheit seien Adolf Hitler, Hermann Göring und Joseph Goebbels an den wartenden Menschen vorbeigefahren.

Wir bedanken uns sehr herzlich bei Lee Edwards und ihrer Großnichte Lena Sarah Carlebach sowie Herrn Stein für den Besuch an unserer Schule und die Berichte über diese schmerzliche Zeit ihres Lebens. Unser Dank gilt auch Frau Rieber und Frau Lieberz-Groß vom Projekt „Jüdisches Leben in Frankfurt“, die den Kontakt hergestellt und die Gäste begleitet haben.

Weitere Informationen zu den beiden Gästen gibt es auch auf der Homepage des Projekts „Jüdisches Leben“:

http://www.juedisches-leben-frankfurt.de/home/biographien-und-begegnungen/biographien-a-f/lee-edwards-geb-carlebach.html

und

http://www.juedisches-leben-frankfurt.de/home/biographien-und-begegnungen/biographien-r-v/oswald-stein.html.


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